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Fernerkundung # 30

 

Diese Aufgabe
wurde zuerst am 24.7.2012
um 21:24 Uhr
von Markus Albrecht
aus München gelöst.
Gratulation!

Aufgabe »

Die quadratische Struktur in der Mitte unseres Bildes findet sich ungefähr an den Koordinaten N 48°10'36", O 011°38'14". Sie spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte Bayerns – so wichtig, dass der Ort vor über 200 Jahren nicht nur durch bauliche Massnahmen „versichert“ wurde, sondern sogar für einen eventuellen vollständigen Verlust Vorsorge getroffen wurde.

Unsere Frage lautet:
Wie lauten die beiden geographischen Koordinaten der „Rettungspunkte“, mittels derer die Position der obigen Struktur bei einer möglichen Zerstörung hätte rekonstruiert werden können? Die Genauigkeit wird auf ca. 50 Meter erwartet.

Tipp »

 

Auflösung »

N 48°10'39.6", E 011°37'39"
N 48°10'11", E 011°39'2".

Sicherlich war es nicht sehr schwierig die Konstruktion anhand der gegebenen Koordinaten in Google Earth wiederzufinden und über die Informationsebenen einen ersten Hinweis auf die sogenannte Basispyramide zu bekommen. Doch was hat es mit dieser Pyramide am nördlichen Stadtrand von München auf sich? Die Lösung vermittelt uns ein besonders spannendes Kapitel der Geographie-Geschichte.

Um 1800 war man in Europa allerorten mit genauen Landesvermessungen beschäftigt. Auch in Bayern wurde 1801 eine „vollständige, astronomisch und topographisch richtige“ Karte in Angriff genommen. Dabei galt es zunächst ein grobes Netz von sorgfältig eingemessenen Dreiecken einzumessen (zu triangulieren).

Die optischen Gerätschaften erlaubten zu dieser Zeit bereits eine äusserst präzise Winkelmessung und Nivellierung. Die zugrunde liegenden Dreieckssätze benötigen aber zumindest eine gegebene Länge, denn nur mit drei Winkeln lässt sich ein Dreieck bekanntlich noch nicht bestimmen. Und genau hier lag das Problem: Winkel liessen sich 1801 durch das Fernrohr auf grosse Entfernungen sehr einfach und präzise bestimmen, Entfernungen aber nicht. Es musste einmalig eine Referenz-Distanz ausgemessen werden, die eine Seite des Ur-Dreiecks bildete. Mit dieser einen Seite konnte dann das gesamte restliche Triangulationsnetz 1. Ordnung nur noch durch Winkelmessung vervollständigt werden.

Es hatte schon ein paar Jahre zuvor eine Distanzmessung von der Müncher Stadtmitte nach Dachau gegeben, aber die Messpunkte waren nicht versichert worden und konnten nicht mehr gefunden werden. Für die neue Vermessung suchte man sich das vollkommen leere und flache Erdinger Moos aus und legte den Nordturm der Müncher Frauenkirche und den Turm der Pfarrkirche St. Johann Baptist in Aufkirchen in der Nähe von Erding als Endpunkte der neuen Basis-Linie fest. Die Distanzmessung erfolgte dann mit 5 geeichten Tannenholzlatten von jeweils 5 Metern Länge. Die Messlatten wurden mit Öl imprägniert und mit Metall beschlagen, um Längenveränderungen durch Witterungseinflüsse zu minimieren. Sodann wurde eine 30 Meter lange Unterkonstruktion errichtet auf der die Messlatten hintereinander gelegt wurden. Und so arbeitete man sich dann Richtung Aufkirchen – indem immer ein Teil der Unterkonstruktion demontiert und vorne wieder angestückelt wurde. Dazu wurden penible Wetter- und Temperaturaufzeichnungen gemacht, die zur Beschickung des Ergebnisses genutzt wurden.

Allerdings kann man auf diese Weise natürlich nicht durch bebautes Gebiet hindurchmessen und deshalb wurden auf der Verbindungslinie der beiden Kirchen zwei Punkte bestimmt, die ausserhalb der Ortsgrenzen lagen und von denen aus man das Messvorhaben unbehindert durchführen konnte. Auf der Münchner Seite lag der Startpunkt bei Unterföhrung, auf der Aufkirchener Seite direkt am Ortsrand. Und diese beiden Punkte wurden nun baulich versichert, indem man die steinernen Basis-Pyramiden über ihnen errichtete. Damit sollten jederzeit Kontrollmessungen ermöglicht werden.

Um aber ganz sicher zu gehen wurden die Pyramiden zusätzlich so dokumentiert, dass man sie auch messtechnisch aus weiter entfernten Hilfspunkte wieder rekonstruieren konnte, falls sie aus irgendeinem Grund beschädigt oder zerstört werden sollten. Das ist bis heute eine gebräuchliche Methode für wichtige Messpunkte. Die beiden Hilfspunkte für die Münchner Pyramide waren der Kirchturm des Klosters St. Emmeran und die Kirche von Johanneskirchen. Diese Rettungspunkte sind in der bayerischen Basiskarte von 1801 mit einer Linie verbunden. Die Rekonstruktion der Position des Kirchturms von St. Emmeran erforderte noch Zusatz-Recherche, denn die Kirche wurde schon wenige Jahre nach Einmessung der Basislinie abgerissen. Die Pyramiden aber haben bis heute durchgehalten!

Die Genauigkeit der damaligen Messung ist übrigens erstaunlich: ca. 70 cm Abweichung auf eine Länge von 21,6 Kilometern – so ergaben GPS-basierte Nachmessungen in neuerer Zeit.