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Fernerkundung # 13

 

Dieses Rätsel wurde nicht gelöst.

Aufgabe »

Anlässlich der heutigen Sommerzeitumstellung beschäftigen wir uns ein wenig mit dem Thema Zeit. Gleich ein Wort der Warnung vorneweg: diese Aufgabe hat den allerhöchsten Schwierigkeitsgrad! Zwar haben wir alle zur Lösung erforderlichen Hilfsmittel in den letzten Wochen erlernt, aber die Kombination dieser Techniken erfordert im vorliegenden Fall geradezu unglaublichen Scharfsinn.

Gegegeben ist ein kurzer Video-Clip aus YouTube.
Unsere Frage lautet:
An welchem Tag um wieviel Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit wurde das obenstehende Video gedreht? Eine Genauigkeit von ± 3 Stunden ist absolut ausreichend!

Tipp »

Die Lösung ist nicht unmittelbar im Video zu finden!

Auflösung »

Das Video wurde am 11. September 2009, um ca. 20:30 Uhr Koreanischer Standardzeit aufgenommen.

Nordkorea wird in unserem Kulturkreis in aller Regel als hermetisch abgeschlossenes Land dargestellt, in dem eine vom Hungertod bedrohte Bevölkerung unter einem totalitären Regime zu leiden hat. Die verwackelte Handyaufnahme aus der Hauptstadt Pjöngjang faszinierte mich daher zum Einen, weil ihr in meiner Wahrnehmung etwas Subversives anhaftete (als wenn jemand unter Lebensgefahr geheimes Filmmaterial aus dem Inneren des Zentrums des „Schurkenstaates“ geschmuggelt hätte), zum Anderen, weil das sichtbare Strassenleben nicht so recht zum Klischee passen mag. Mein Interesse für eine genauere Untersuchung war jedenfalls geweckt.

Zunächst versuchte ich eine Verortung der Fahrtroute in GoogleEarth. Mit den riesigen Hochhäusern und der breiten Strasse, die im Video überquert wird, waren genug Anhaltspunkte gegeben um die Strecke im Luftbild zu identifizieren. Schon diese – zugegeben etwas zeitintensive – Analyse der nordkoreanischen Hauptstadt stellte einen hochfaszinierenden Forschungsgegenstand dar. Die ermittelte Fahrtroute habe ich als GoogleEarth-Datei zum Download bereitgestellt – einfach die Datei auf das GoogleEarth-Fenster ziehen!

Die Fahrt endet vor einem auffälligen weissen Gebäude, dass man schon zuvor bei der Anfahrt von der Brücke aus gut erkennen kann. Um mehr über dieses Gebäude zu erfahren, habe ich in GoogleEarth alle Informationsebenen zugeschaltet und in der Community-Ebene (das sind die kleinen blauen i-Symbole) findet sich schließlich der Hinweis, dass es sich bei dem Gebäude um das Pjöngjang Duck-BBQ-Restaurant handelt. Mehr Information konnte ich aus dem Video selber nicht mehr gewinnen.

Die weitere Recherche führt über die Quelle des Videos auf YouTube. Lindsay Fincher ist hier als Urheberin des Videos angegeben – mit einem Link zu ihrer Homepage. Lindsay entpuppt sich als kalifornische Studentin, die eine Leidenschaft für das Reisen hat und für ihr Alter bereits ein überaus erstaunliches Pensum exotischer Ziele besucht hat. Unter lindsayfincher.com berichtet sie über ihre Erfahrungen in Wort und Bild und hier findet sich auch ein Bericht über ihre 5-tägige Nordkorea-Reise im September 2009. Dieser Bericht ist schon wegen seiner Ausführlichkeit unbedingt lesenwert. Frei bewegen kann sie sich in Nordkorea nicht – der Tourismus exisitiert nur in Form geführter Gruppenreisen an ausgewählte, für den Tourismus vorbereitete Sehenswürdigkeiten. Sicherlich bekommt man auf diese Weise keinen wirklichen und neutralen Eindruck von den Zuständen im Land, aber das bei mir existierende Voruteil einer hermetisch abgeschotteten Diktatur kommt doch ein wenig ins Wanken. Ich finde es schon erstaunlich dass die Einreise nach Nordkorea für einen Amerikaner keine grossen Hürden darstellt. Lindsay weiss in ihrem Blog gefühlvoll zwischen Lebens- und Touristen-Realität zu unterscheiden.

Im Fotoalbum der Nordkorea-Reise von Lindsay Fincher stutze ich dann bei dem Ordner „The food“. Ich habe so eine Ahnung und als ich die Fotos im Album betrachte, entdecke ich drei Aufnahmen in einem Restaurant, deren Dateinamen den Begriff "duck_bbq" enthalten. Und da klingelt es bei mir! Das ist der Name des Restaurants, das Lindsays Reisegruppe in dem gezeigten Video angesteuert hat. Die Fotos besitzen noch ihre Metadaten und die Rätselaufgabe scheint schon gelöst: ich brauche einfach nur den Zeitstempel der Aufnahme nehmen – es ist der 11. August 2009, 5:27 Uhr Pazifischer Sommerzeit und in die Koreanische Standardzeit konvertieren. Diese Aufgabe erledige ich mit der Wissens-Suchmaschine Wolfram Alpha mit der Suchanfrage „5:27 am PDT in north korea“ und so ergibt sich 21:27 Uhr Ortszeit, als Lindsays Reisegruppe sich über die Ente hermacht. Ich rechne ca. eine Stunde, die zwischen Anfahrt und Foto liegt und komme damit grob auf den 11. August 2009, 20:30 Uhr nordkoreanischer Standardzeit.

Aber die Sache hat einen Haken: in der Forensik gilt, dass eine einzelne Quelle niemals ausreichend glaubwürdig ist. Und bei der Überprüfung stosse ich auf Ungereimtheiten. Lindsay beschreibt, dass sie ihre Reise im September unternommen hat. In den Tiefen ihres Blogs (und ich musste lange danach suchen) gibt sie die genauen Reisedaten mit dem Zeitraum 8.-12.9.2009 an. Ausserdem fällt mir auf, dass ein weiteres umfangreiches Essen in einem Restaurant mit westlicher Küche (es gibt Hamburger) am gleichen Abend datiert ist, wenn auch etwas später. Lindsay Fincher hat schlichtweg die Uhrzeit in ihrer Kamera nicht korrekt eingestellt!

Erst der Vergleich der Foto-Zeitstempel mit ihrer Reiseerzählung ergibt schliesslich, dass die Uhrzeit der Kamera wohl einigermaßen korrekt, der Monat allerdings um eins vorgestellt ist. Auch das doppelte Abendessen klärt sich auf: nach dem Duck BBQ hat man sich anlässlich eines Geburtstages in der Reisegruppe in der Nacht noch in ein weiteres Lokal begeben.

Puh, dieses Rätsel war ein hartes Stück Arbeit, aber ich wollte demonstrieren wie man mit wenig Basis-Techniken, aber grosser Hartnäckigkeit auch scheinbar unmögliche Fälle lösen kann. Bleibt mir nur, Lindsay Fincher weiterhin viel Glück für ihre Abenteuer zu wünschen!